Was macht eigentlich eine anzügliche Lolita aus?
Im Internet wird Lolita in explizit erotischem, pornografischem Kontext für eine sexuell aktive Teenagerin benutzt. Was bedeutet eigentlich der Ausdruck Lolita?
Ein Anblick, der Humbert Humbert außerordentlich erfreuen würde. (jlp)
Ein bekannter Kolumnist meinte über die Lolita Folgendes: "Die Lolita ist eine vollkommene Allegorie des 20. Jahrhunderts und seiner Obsessionen – seiner Obsessionen in Bezug auf das Jungsein, das Peter-Pan-Syndrom, Michael Jackson, die erneute Suche des Kindes in sich, die Infantilisierung alles und jeden, den Voyeurismus und das Image."
Der Name Lolita kommt in der Popkultur sehr häufig vor. Vermutlich ist er wegen seines exotischen Klanges so beliebt, jedoch ist dies eher eine schwache Ausrede dafür, dass ein mit seiner Bedeutung dermaßen belasteter Name allgemeine Zustimmung für die Bezeichnung von "verführerischen jungen Mädchen" bekommt, wie es das Onlinewörterbuch Webster’s Dictionary anführt. Man könnte zwar behaupten, dass nicht alle Mädchen mit dem Namen Lolita auch tatsächlich Lolitas sind, jedoch scheint eine solche Behauptung ziemlich naiv zu sein – wenn man ihr glaubt, dann kann man auch glauben, dass nicht jeder Frankenstein ein Frankenstein ist.
Wer ist den nun Lolita?
Lolita ist ein Roman von Vladimir Nabokov, der Wellen schlug, noch bevor er überhaupt erschienen ist. Im Jahr 1955 wurde er von Olympia Press aus Paris veröffentlicht, einem Verlag für Bücher mit erotischem Inhalt, die in den USA und Groß Britannien keinen Verleger finden konnten – diese Bücher waren in den meisten Fällen nicht mehr als gewöhnliche Pornografie. Als solche wurde zuerst auch Lolita aufgefasst, weswegen ihr die amerikanischen Medien nicht allzu sehr wohlgesinnt waren.
Humbert Humbert, der Erzähler, ist ein gebildeter Europäer mittleren Alters mit einer Neigung zu Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren alt. Nach seiner eigenen Suggestion ist seine Neigung die Folge der nicht erfüllten Teenagerliebe zu Annabel Leigh. Als er nach Amerika kommt, verliebt er sich in die 12-jährige Dolores Haze – Lolita und durch eine für ihn günstige Verkettung von Zufällen entwickelt sich zwischen ihnen eine sexuelle Beziehung. Eines Tages verschwindet Lolita plötzlich mit ihrem Verfolger. Nach ein paar Jahren schreibt sie Humbert, dass sie und ihr Mann Geld brauchen. Humbert plant einen Mord, überlegt es sich jedoch wieder, als es erkennt, dass dieser Mann nicht sein Doppelgänger ist. An dieser Stelle wird der Leser überrascht: Humbert liebt die 17-jährige, offensichtlich schwangere Lolita, die nichts mehr Nymphenhaftes an sich hat. Er gibt ihr das Geld und nötigt ihr den Namen des Mannes ab, der sie ihm wegnahm, den er schließlich findet und ermordet.
Da wird Humbert auch endlich bewusst, dass er Lolita ihre Kindheit wegnahm und sie zu schnell erwachsen werden ließ. Eines der rührendsten Kapitel ist seine „Anagnorisis“, die Kindern beim Spielen zuhört: "Als ich auf einem hohen Hang stand, konnte ich mich an den musikalischen Vibrationen, den Explosionen einzelner Schreie über dem Hintergrund des gleichmäßigen Tosens nicht satthören, und da wurde mit bewusst, dass das durchdringliche hoffnungslose Grauen nicht darin liegt, dass ich Lolita nicht mehr an meiner Seite habe, sondern darin, dass in diesem Chor ihre Stimme nicht zu vernehmen ist." (Nabokov 2005: 364)
Lolita in der Popkultur
Die französische Musik ist für ihre Verherrlichung der Liebe älterer Männer zu deutlich jüngeren Mädchen bekannt.
So spricht der Text Moi ... Lolita (Ich .. Lolita), der von Alizee gesungen wird (eine Teenagerin zählt alle Attribute auf, die auf ihre Jugend und Attraktivität hinweisen: Sie verrät ihr Geheimnis nicht der Mutter und trägt verführerische Kleidung), in der ersten Person darüber, dass sie von allen Lolita genannt und gewollt wird, und dabei betont sie, dass das nicht ihr Fehler bzw. ihre Schuld sei.
In Kubricks Inszenierung ist Lolita zuerst liegend auf einer Wiese zu sehen, das Sinnbild der Unschuld und Attraktivität in einem. (jlp)
Bei Celine Dion ist das Hauptthema des Songs mit dem Titel Lolita „du kannst nicht zu jung für die Liebe sein“ (die Betonung liegt auf der körperlichen Liebe!). Die Idee erscheint ungewöhnlich, da die Autorin Lolitas Namen als Songtitel verwendet. Dies erinnert jedoch an die Lolita von Vladimir Nabokov, die zwar alt genug für die Liebe ist, jedoch nicht für die Art von Liebe, die ihr Humbert anbietet. Gerade in diesem Teil ist die Diskrepanz zwischen der Liebe (oder der Sexualität, wenn Sie möchten), wie sie die Kinder verstehen, und der Erwachsenenliebe mehr als offensichtlich, weswegen die Wahl des Namens in Bezug auf diese Thematik ein wenig ungewöhnlich erscheint.
Suzanne Vega appelliert an Lolita als fast erwachsenes Mädchen, dass im Kleid der Mutter älter aussehen möchte, nicht um Aufmerksamkeit zu betteln, sondern für sich einzutreten. Lolita ist demnach wieder ein frühreifes Mädchen, das sich Liebe wünscht.
Das Cosmopolitan gebraucht den Ausdruck Lolita in einem Artikel über den sexuellen Missbrauch von Kindern als "etymologischen Schlüssel" für den Lolitismus.
In Modezeitschriften wird Frauen verführerische Unterwäsche in Rosatönen angeboten, die die Lolita in ihnen zum Ausdruck bringen soll. Das ist jedoch weit davon entfernt, was Humbert seiner kleinen Lolita in weißen Strümpfen kaufen würde.
Die Popkultur simplifiziert immer, sie wählt eine Seite der Geschichte und macht sie sich zu Eigen. Für die Popkultur war die Geschichte der jungen Verführerin am attraktivsten, weil sie wahrscheinlich auch eine gute Vermarktungsstrategie darstellt: Die Verkörperung der Träume erwachsener Männer, die gleichzeitig auf junge Mädchen einredet, die so schnell wie möglich erwachsen sein und so wie die Filmstars werden wollen.































