Liebe und Sexualität - ihr Weg zueinander
In der heutigen Zeit ist eine Ehe ohne Liebe und Sexualität undenkbar. Doch so war es nicht immer.
Den Anfang der Trennung zwischen Liebe und Sexualität machte die höfische Gesellschaft mit ihrem Konzept der reinen Liebe. (jlp)
Die Geschichte von der Liebe und der Sexualität begann in Frankreich
Solange die Partnerschaft zwischen Mann und Frau auf hierarchischen Verhältnissen basierte, war der Begriff der ehelichen Liebe nicht bekannt. Die ersten Aufzeichnungen von gegenseitiger und gemeinschaftlicher Liebe zwischen Mann und Frau reichen ins 12. Jahrhundert, als in Okzitanien (dem südlichen Teil des heutigen Frankreichs) die Troubadourkultur das Konzept der höfischen Liebe prägte. Dieses wurde nicht nur im Rahmen der Troubadourlyrik gepflegt, sondern als allgemeines Ideal der okzitanischen Liebe in der höfischen und urbanen Gesellschaft dieser Zeit anerkannt.
Gleichberechtigte Beziehung nur ohne gemeinsame Liebe und Sexualität
Der troubadourischen Weltauffassung zufolge war die Liebe mehr als eine Emotion. Sie wurde zum ethischen Standpunkt erhoben, deren Grundsätze die Verachtung des Partners ablehnten und das ritterliche Ideal der Gleichberechtigung pflegten. Somit gilt diese Auffassung von Liebe als striktes Gegenteil zum Standpunkt der feudalen Gesellschaftsordnung, in der die Frau eine untergeordnete Rolle hatte – vor allem in der ehelichen Beziehung, die damals nichts mit Liebe und Sexualität zu tun hatte, sondern aus rein ökonomischen Vorteilen eingegangen wurde. In der höfischen Liebesbeziehung der Troubadoure kam es zusätzlich zu einem anderen großen Bruch, und zwar zwischen der Liebe und der Sexualität. Diese Art der Liebe beruhte nämlich auf dem Prinzip der Ehebrechung. Was die Wertung und Wertschätzung der Partner betrifft, kam es jedoch zu einem Umschwung: Die übergeordnete Stellung wurde jetzt der Dame zugesprochen.
Die höfische Auffassung von Liebe und Sexualität und die westliche Zivilisation
Das Augenmerk der Liebeskultur bei den Troubadouren richtete sich nicht auf eine ausgewogene Beziehung zwischen Liebe und Sexualität, sondern auf die Gleichberechtigung der Partner. Das restliche Europa übernahm diese Denkweise und bewertete die Kultiviertheit einer Gesellschaft von nun an in Bezug auf die Stellung der Frau in der Gemeinschaft. Noch wichtiger ist jedoch der Einfluss dieses Konzeptes der Liebesbeziehung auf die späteren Ausdrücke der Verbindung zwischen Liebe und Sexualität in den westlichen Zivilisationen.
Liebe und Sexualität zu trennen, galt als notwendig, um der Frau die nötige Achtung entgegen zu bringen. (jlp)
Reine Liebe nur durch Verzicht auf die Sexualität
Um die reine, ideale und edelmütige Liebe zu erreichen, musste der Liebhaber unter strenger Aufsicht seiner Auserwählten bestimmte Prüfungen bestehen. Die letze davon, bezeichnet als asag, war die entscheidende: Er musste die Nacht mit der Dame verbringen und nicht in Versuchung geraten, ihr seine Liebe durch das Ausleben seiner Sexualität zu beweisen. Zeigte er genug Achtung der Dame gegenüber und ließ sie, angezogen neben sich schlaffen, bewies er, dass er seine Liebe des sexuellen Triebes (Amor Vulgaris) befreit hat und verdiente sich, von nun an die Sexualität mit seiner Dame voll auskosten zu dürfen.
Wie wird seither der Verbund zwischen Liebe und Sexualität bewertet?
Für die westliche Zivilisation liegt das bedeutendste Erbe der höfischen Liebe vor allem in der strikten Trennung zwischen der Ehe und der außerehelichen Erfahrung, die den einzigen möglichen Rahmen für einhergehende Liebe und Sexualität ermöglichte. Aus dieser Zeit rührt daher auch der Gegensatz zwischen der emotionalen Verbindung in der Liebe und der körperlichen Begierde in der Sexualität.
So kam es unter anderem zum Standpunkt der christlichen Kirche zur Liebe und Sexualität in der Ehe. Die christliche Ehe ließ ein gewisses Maß an Gleichberechtigung zwischen den Eheleuten zu, schloss jedoch das Gefühl der Verliebtheit aus, da es als gefährlich und unmoralisch verschrien war. Dieser Logik zufolge galten verliebte Ehepaare lange Zeit als Ehebrecher.
Die Kirche griff das Konzept des Gegensatzes zwischen Liebe und Sexualität auf und sah in der Ehe lange Zeit einen rein ökonomischen Zusammenschluss. (jlp)
Liebe und Sexualität in der Ehe vereint
Erst das Ende des 18. Jahrhunderts brachte ein Umdenken, als die Liebe nicht mehr als Privileg der außerehelichen Beziehungen galt. Im 19. Jahrhundert verlor die Institution der Ehe für die Mehrheit der Bevölkerung den rein wirtschaftlichen Nutzen. Dieser langen Entwicklungsperiode folgte im 20. Jahrhundert das Model der Eheschließung aus Liebe, das viele Jahrhunderte als absurd abgetan wurde und jetzt zur Voraussetzung einer erfolgreichen Beziehung wurde. Heutzutage empfiehlt auch die Kirche in einer Ehe Liebe und Sexualität so zu vereinen, dass beide als Ausdruck des anderen dienen. Kann dem Glauben geschenkt werden, kommt und geht alles andere ganz spontan.
































