Nehmen wir unsere Sexualität gelassen genug?

8.05.2010 | T. P.

Ist das überhaupt möglich oder handelt es sich dabei um ein unrealisierbares Ideal? Oder gibt es Regeln, wie die Sexualität betrachtet werden sollte?

 

 

Die menschliche Beziehung zur Sexualität ist eine Mischung unterschiedlicher Einflüsse. (PhotoXpress)

Die menschliche Beziehung zur Sexualität ist eine Mischung unterschiedlicher Einflüsse. (PhotoXpress)

 

„Unsere“ Betrachtungsweise der Sexualität wird von vielen Faktoren geprägt

Unsere Betrachtungsweise der Sexualität ist nur selten auch wirklich unsere. Wir betrachten die Sexualität so, wie sie der Großteil unserer Umwelt betrachtet. Einige übertreiben es, einige weichen davon ab. Aber damit entgehen sie dem Einfluss der Mehrheit nicht, da sie durch die Abweichung von der Norm definiert sind. Menschen lieben harte Fakten und Rationalität. Als Freud die wissenschaftliche Öffentlichkeit mit seiner Idee schockte, dass uns unser Sexualtrieb zu dem macht, was wir sind, dass der Geschlechtstrieb für die Identitätsentwicklung verantwortlich ist, wurde die Entdeckung nur schwer aufgenommen. Aber seine Ansichten blieben im Bereich des Wissenschaftlichen. Das Wissen und das Denken über die Sexualität unter den Normalsterblichen bleibt Sache der Familie, der Kirche und der Schule. Ständig mischen sich aber auch andere Strömungen ein. Die Literatur, die Wissenschaft (Biologie, Medizin, Psychologie, Soziologie, Anthropologie). Unser Wissen über die Sexualität wächst mit der Zugänglichkeit und Verbreitung der Medien, in letzter Zeit vor allem des Internets. Unseren Anteil tragen auch wir, die Schöpfer dieses Portals, dazu bei. Der Mensch muss sich in diesem Pool des Wissens, des Glaubens, der Hoffnung, der Verzweiflung, der Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lügen zurechtfinden. Der Wissensdurst, die primäre Neugierde und eine Vielzahl an chemischen Reaktionen im Körper treiben ihn voran. Wir gehen mit den Informationen zu unkritisch um, da jeder irgendeiner Quelle glaubt. Die Kinder den Eltern, die Gläubiger der Kirche, die Rationalisten dem Verstand, die Romantiker den Gefühlen, manch einer Büchern, andere dem Discovery Channel oder ihrem Arzt, wiederum andere esoterischem Wissen aus anderen Kulturen. Wir schöpfen unser Wissen über die Sexualität aus vielen Quellen, aber an einer Stelle bleiben wir dann stehen und sagen „Das glaube ich, das finde ich akzeptabel.“

„Wissenschaft“ der Sexualität und ihre Probleme

Jede Wissenschaft fängt mit der Wahl des Forschungsgegenstands an. Die Sexualwissenschaft wählt also die Sexualität und fragt sich beim nächsten Schritt, was Sexualität eigentlich ist. Ist Sexualität die Art der Reproduktion, eine Reihe chemischer Prozesse in unserem Körper? Ist Sexualität der Ausdruck der geistigen Zuneigung zweier Menschen zueinander, die sich Treue geschworen haben? Ist Sexualität nur Sex oder auch Liebe? Ich kann hier nicht alle Hypothesen niederschreiben, wie die Sexualität definiert werden könnte, aber ich hoffe, Sie haben gemerkt, wie schwer es ist, Sexualität in eine Schublade zu stecken. Deswegen beschäftigen sich alle Wissenschaft ein bisschen mit Sexualität. Einige mehr, andere weniger. Psychologen haben herausgefunden, dass physische Probleme mit der Psyche zu tun haben können. Die Ärzte haben gerade das Gegenteilige herausgefunden. Die Biologen sezieren die Sexualität, sie sind nur an ihrer Funktion interessiert. Die Theologen denken über die Beziehung zwischen dem Heiligen und der Sexualität, die Anthropologen über den Einfluss der Sexualität auf den ganzen Menschen nach. In guter Absicht nimmt jede Wissenschaft die arme „Hure“ namens Sexualität und betrachtet sie auf ihre Art, um etwas zu eigenem Vorteil herauszufinden und den wissenschaftlichen Kriterien gerecht zu werden. Der Bereich der Sexualität hat keinen einheitlichen Gegenstand. Hat keine spezielle Betrachtungsmethode. Somit kann sie keinen besonderen Status wie andere Wissenschaften einnehmen.

 

Mit der Sexualität und den sexuellen Problemen geht jeder anders um. (PhotoXpress)

Mit der Sexualität und den sexuellen Problemen geht jeder anders um. (PhotoXpress)

 

Wie finden wir uns in Sachen Sexualität im Informationschaos zurecht?

Die Sexualität ist so stark mit unserem Wesen verflochten, dass sie nicht objektiv betrachtet werden kann. In dieser Schlinge haben sich alle verfangen, die es versucht haben, auch der große Freud. Seine Beziehung zur Sexualität und Frauen weht aus jedem aufgeschriebenen Satz seiner Analysen. Obwohl er seiner Zeit voraus war, war er ihr hilfloser Gefangener. Auch ich und Sie, der Schreibende und die Lesenden, sind Gefangene des Zeithorizonts. Wir wissen, dass die Sexualität der Reproduktion dient, gleichzeitig benutzen wir sie aus diesem Grund fast nicht mehr. Wir wissen, welche Folgen sexuelle Gewalt hat, aber können sie nicht ausrotten oder sie gar erkennen. Wir wissen, dass wir Männer einen Penis und die Frauen eine Vagina und Brüste haben, aber am Strand sind wir alle entsetzt, vor allem dann, wenn wir einen „unästhetischen“ Nackedei sehen. Wir wissen immer noch nicht, ob nackte Eltern bei Kindern Traumata hervorrufen oder nicht. Wir glauben, dass Monogamie natürlich ist, obwohl sie alles andere als das ist. Wir wissen nicht, ob Sexualerziehung gut ist oder nicht, welchen Einfluss hat Pornographie, die offensichtlich niemand erotisch findet, sich aber immer höherer Zuschauerzahlen erfreut. Wir wissen nicht, was unsere sexuelle Orientierung lenkt, was die Wendung zur Homosexualität bewirkt. Auf der Welt gibt es niemanden, der dafür die Hand ins Feuer stecken würde – wortwörtlich. Alle Fakten erweisen sich als Meinungen, persönliche Erfahrungen oder Wahrheitsannäherungen. Wenn wir einen Stein in die Luft schleudern, dann fällt er auch wieder runter. Das ist gewiss. In der Sexualität gibt es keine Gewissheit. Es gibt chemische und biologische Funktionen, aber niemand betrachtet die Sexualität als biologische Funktion.

Wie sollen wir uns also in Sachen Sexualität zurechtfinden? Ehrlich gesagt, es ist schwer. Aber das menschliche Wissen macht von einem Fehler zum anderen Vorschritte und wächst. Wir wissen immer mehr, obwohl wir es noch nicht mit Gewissheit wissen. Deswegen bleibt die Hoffnung für unser Wissen und somit für die Beziehung zur Sexualität. Wir lernen und bleiben demütig gegenüber der Komplexität des Lebens.

 



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